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Erstmals Zuchtwert gegen Mortellaro - DD control

Dermatitis Digitalis (DD), auch als „Mortellaro'sche Erkrankung“ oder Erdbeerkrankheit bekannt, ist eine infektiöse (ansteckende) Entzündung der Klauenhaut, meist an typischer Stelle oberhalb des weichen Ballenhorns. Aufgrund der hohen Bedeutung für die Wirtschaftlichkeit des Betriebes und das Tierwohl, haben die deutschen Zuchtorganisationen zusammen mit der Arbeitsgruppe um Prof. Swalve, Uni Halle, ein genomisches Zuchtwertschätzverfahren gegen die Mortellaro'sche Erkrankung entwickelt.

Auf vielen Betrieben ist DD die Klauenerkrankung. DD im Rinderbestand lässt sich nur schwer behandeln. Akut betroffene Tiere gehen leicht bis mittelgradig lahm und verursachen hohe Kosten. Ein einzelner Fall schlägt mit 300 bis 500 Euro an Milchgeldverlust, Behandlungskosten usw. zu Buche. 

Dermatitis Digitalis und ihr Erreger

Hervorgerufen wird DD durch sogenannte Treponemen, bewegliche schraubenförmige Bakterien. Diese verbreiten sich durch einzelne erkrankte Tiere in der Haltungsumwelt der Rinder. Doch nur das bloße Vorhandensein der Treponemen reicht für einen Krankheitsausbruch bei einem Tier nicht aus. Erst wenn eine Kuh z.B. durch einen Energiemangel in der Hochlaktation in ihrer Abwehrkraft geschwächt ist, können die Erreger die Immunabwehr des Tieres überwinden und Krankheitssymptome hervorrufen. Nach einer Übertragung bohren sich die Treponemen aktiv in die tiefen Hautschichten der Klauenhaut, dorthin wo sie weder das Immunsystem des Tieres noch Medikamente erreichen können. Bricht die Krankheit bei einer Kuh aus, zeigen sich in der Frühphase zunächst kleine scharf abgegrenzte Läsionen, meist am weichen Ballen oder im Zwischenklauenspalt. In der Frühphase ist die Erkrankung noch nicht schmerzhaft, so dass zunächst noch keine Lahmheit bei den Tieren auftritt. Das tiefrote, runde und höckerige Erscheinungsbild der Läsion haben der Dermatitis ihren deutschen „Spitznamen“ Erdbeerkrankheit eingebracht.

Bleibt DD in der Frühphase unentdeckt, breitet sie sich weiter auf der Klauenhaut aus und wird schmerzhaft für die Tiere. Im Stall fallen akute Fälle durch eine leichte bis mittelgradige Lahmheit auf. Beim Blick auf die Klauenhaut unmittelbar oberhalb des weichen Ballens der Hintergliedmaßen bestätigt sich dann der Verdacht: Mortellaro. Wird nun behandelt, ziehen sich die Treponemen tief in die Klauenhaut zurück. Es entsteht die chronische DD, die als solche kaum noch zu erkennen ist. Eine echte Heilung ist das aber nicht! Wird das Immunsystem der Kuh z.B. durch eine Hitzeperiode oder eine Kalbung geschwächt, flackert die Erkrankung wieder auf und der Teufelskreis beginnt von neuem.

Zucht gegen Dermatitis Digitalis

Die Behandlung gegen DD ist aufwändig, teuer und oft nicht erfolgreich: Besser wäre es doch, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Schon länger ist bekannt, dass bei manchen Tieren immer wieder akute Mortellarostadien auftreten, während andere Tiere in der gleichen Haltungsumwelt verschont bleiben oder die typischen Läsionen nach kurzer Zeit komplikationslos abheilen und nicht wieder auftreten. Die Ursache für Unterschiede findet sich im Genom der Kühe. Vereinfacht bedeutet das, dass einige Tiere in ihrem Erbgut Gensequenzen aufweisen, die eine höhere Widerstandskraft gegenüber dem Erreger der DD vermitteln. Diesen genetischen Unterschied hat sich die Arbeitsgruppe von Prof. Swalve von der Universität in Halle zunutze gemacht und in Zusammenarbeit mit den deutschen Zuchtorganisationen eine genomische Zuchtwertschätzung DD Control entwickelt. Mit DD Control steht dem Milchviehalter jetzt erstmals eine Möglichkeit zur Verfügung, DD mittels einer gezielten Bullenauswahl zu bekämpfen.

Die Herausforderung bei der Entwicklung von DD Control lag in der sehr genauen Erfassung der Phänotypen, also der Unterscheidung von kranken und gesunden Tieren in Testbetrieben. Die Kunst besteht darin, erkrankte Tiere von gesunden zu trennen. Werden bei der Datenerfassung Fehler gemacht, wirkt sich dies negativ auf die Qualität der späteren Zuchtwerte aus. Die Arbeitsgruppe um Prof. Swalve hat erkannt, dass es wichtig ist, nicht nur Tiere mit dem erdbeerroten Akutstadium der Gruppe von erkrankten Tieren zuzuordnen, sondern auch die deutlich schlechter erkennbaren chronischen Stadien. In zwei von den deutschen Zuchtorganisationen finanzierten Projekten kamen so über 5.000 sehr genau befundete Kühe zusammen, die auch gleichzeitig genomisch typisiert waren. Mittels mathematisch-statistischer Verfahren wurden im nächsten Schritt SNP-Effekte geschätzt, aus denen dann eine genomische Schätzformel abgeleitet wurde. In zwei Überprüfungsläufen wurde getestet, ob Bullen mit einem hohen Zuchtwert für DD Control tatsächlich eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen DD vererben. Das Ergebnis: Bei Nachkommen von Bullen mit sehr hohen Zuchtwerten für DD Control fand sich rund ein Viertel weniger an klinischer Mortellaro erkrankter Kühe als bei der schlechtesten Bullengruppe. Ein großer Erfolg!

Was bietet der neue Zuchtwert?

Wissenschaftliche Auswertungen der Genomdaten haben gezeigt, dass es eine Reihe von Bereichen auf dem Erbgut der Kühe gibt, die einen großen Anteil daran haben, ob ein Tier anfälliger oder weniger anfällig gegenüber der Erkrankung ist. Diese genetische Struktur bedingt allerdings, dass sich im mittleren Zuchtwertbereich die Unterschiede zwischen den Bullen kaum gegeneinander abgrenzen lassen. Sehr klare Unterschiede zeigen sich allerdings, wenn Bullen mit hohen DD Control Zuchtwerten mit Tieren mit einer großen genetischen Anfälligkeit verglichen werden. Aus diesem Grund wird der neue Mortellaro-Zuchtwert nicht wie gewohnt als Relativzuchtwert für alle Bullen veröffentlicht, sondern nur Vererber mit besten DD Control Zuchtwerten werden mit dem neuen Logo gekennzeichnet.

Nutzen Sie den neuen Zuchtwert als Teil eines Gesamtkonzeptes

Milch steht auf gesunden Füßen! Nutzen Sie den neuen Zuchtwert DD Control für eine gezielte Verringerung der Erkrankungshäufigkeit von DD in Ihrem Stall. Jedes Mortellaro-freie Tier spart bares Geld und lässt Arbeitszeit freiwerden. Ab besten funktioniert DD Control, wenn der Zuchtwert als Gesamtkonzept zusammen mit regelmäßiger Klauenpflege und einer Optimierung der Haltungsbedingungen und Fütterung eingesetzt wird.

Till Masthoff, BRS